Kaum ein Restaurant-führer von Rang, in dem er nicht aufgeführt wäre. In der Welt der Sterne, Kochmützen und wie die in der Branche begehrten Auszeichnungen alle heißen, ist sein Name seit Jahren eine feste Größe.
Natürlich ist Ali Balaban, der Inhaber des „Bosporus“, in erster Linie Gastronom, und es vergeht kaum ein Tag, an dem er sich nicht in der Küche blicken lässt, um eine Sauce abzuschmecken oder einen kritischen Blick auf die Umsetzung seiner letzten Dessert-Kreation zu werfen. Um frische Mandeln selbst zu mahlen, ist er sich nie zu schade. Ehrensache, dass er die Einkäufe in der Markthalle, Fleisch, Fisch und vor allem frisches Gemüse, in aller Regel selbst erledigt. Balaban betreibt sein Restaurant, das in Istanbul so bekannt ist wie in Berlin oder Frankfurt, mit viel Engagement und nach den langen Reservierungslisten und dem einhelligen Lob professioneller Gourmets zu urteilen auch mit großem Können. Insofern ist es völlig korrekt, ihn Patron, Chef oder schlicht Wirt zu nennen. Doch wer Ali Balaban eine Weile zuhört, merkt schnell, dass er es in Wahrheit mit einem Philosophen zu tun hat, für den kultiviertes Speisen nur eine besonders gelungene Form der Begegnung von Menschen ist, in seinen Augen vielleicht die vollkommenste.
Seit der Seiteneinsteiger das „Bosporus“ zu einer der ersten Adressen für vorzügliche türkische Küche in Deutschland hat aufsteigen lassen, ist er von einer Mission beseelt: Essen als Brücke zwischen Kulturen zu begreifen und dabei selbst als unaufdringlicher Regisseur im Hintergrund die Funktion des Brückenbauers zu übernehmen. Tafeln als soziales Ereignis. Ali Balaban vertritt sein Verständnis von der Rolle eines Gast-Gebers dermaßen überzeugend, dass man geneigt ist, ihm gern zu glauben, zu allerletzt habe er sich von finanziellen Überlegungen leiten lassen, als er sich 1983 in der Gastronomie selbstständig machte. Im weitesten Sinne, erzählt er, verstehe er seinen Job als bescheidenen Beitrag zu einem auskömmlichen Miteinander, als Arrangeur eines allabendlichen Get together der besonderen Art.
Wenn Balaban in seinem Element ist, dann erzählt er nicht, sondern führt aus, doziert, legt seine Sicht der Dinge dar. Zum Beispiel, dass der wirtschaftliche Erfolg seines zur Zeit aus sieben festen Mitarbeitern und ebenso vielen Aushilfen bestehenden Betriebes überhaupt nicht im Widerspruch zu seiner anspruchsvollen Motivation stehe. Menschen zusammenzuführen, sie miteinander in Kontakt zu bringen und ein wenig zu ihrem Wohlbefinden beizutragen von dieser Devise hätte er sich wohl auch leiten lassen, wenn er einen seiner beiden Traumberufe ergriffen hätte, Kinderarzt oder Architekt geworden wäre. Die Mediziner-Laufbahn scheiterte ganz knapp am geforderten Notendurchschnitt; sein Architekturstudium an der Fachhochschule Köln hat Balaban erfolgreich absolviert, doch nach dem Examen fehlte das Kapital, um ein eigenes Büro zu eröffnen. Und die Vorstellung, sich von einem etablierten Kollegen anstellen zu lassen, womöglich nach dessen Pfeife tanzen zu müssen, konnte einem, der immer und überall seine eigenen Ideen verwirklichen und seine Kreativität möglichst ungehindert umsetzen will, überhaupt nicht behagen.
So richtig bereut hat Balaban, 1957 in Istanbul geboren, sein Umschwenken auf die Edelgastronomie nie, vor allem nicht, wenn er daran denkt, dass manche seiner einstigen Kommilitonen heute ihr Geld als Taxifahrer verdienen. Mit kühnen und dennoch realisierbaren Plänen hatte er in seiner Diplomarbeit Mitte der 80er Jahre ein Ferienzentrum an der türkischen Riviera entworfen. Die Hotelanlage ist irgendwann nach den Plänen eines anderen gebaut worden, sei’s drum. Er weiß, er hat das „Bosporus“ (das er anfangs gemeinsam mit seinem organisatorisch begabten Bruder geführt hat, der seit langem in Bonn ein eigenes Restaurant betreibt) mit seinem seriösen, aber keineswegs steifen Ambiente „zu einer Institution gemacht“. Dabei lächelt er versonnen wie einer, dessen Glücksgefühl sich kaum mehr steigern lässt.
In der Tat kann Ali Balaban sich nichts Reizvolleres vorstellen, als mit seiner ambitionierten türkischen Küche, einer Mischung aus traditionellen und innovativen Elementen, der Weidengasse ein kulinarisches Gütesiegel aufzudrücken. Balaban ist Perfektionist. Ohne experimentierwütig zu sein, sinnt er ständig darüber nach, durch welche neue Kreation oder raffinierte Nuance sich das Speisen (an erster Stelle stehen natürlich Lammspezialitäten) und überhaupt der Aufenthalt in seinem Hause zu einem „sinnlichen Erlebnis“ machen lasse. Essen als Mittel zum Zweck, wie gesagt. Ein Experiment, ein Wagnis womöglich, ist der Sprung ins Restaurantfach damals für die Brüder Balaban, beide ursprünglich branchenfremd, schon gewesen. Ali hatte während des Studiums als Aushilfe so manchem Koch mit gutem Renommee in die Töpfe geschaut Deutschen, Italienern, Franzosen und natürlich auch Türken. Jedes Mal, wenn seine Professoren ihn nach einer Empfehlung für ein exzellentes türkisches Speiselokal fragten, musste er passen. Manche von ihnen sind bis heute Stammgäste, aber Reservierungen von Geschäftsleuten und Dilplomaten gehen aus ganz Deutschland ein, aus London, aus den USA, aus Israel ? und natürlich aus der Türkei. Für Messegäste aus Istanbul zum Beispiel gehört ein Abendessen im „Bosporus“ so selbstverständlich zu einem Besuch in Köln dazu wie für andere eine Dom-Besichtigung. Die Kölner Türken seiner Generation und der seiner Eltern dagegen haben lange einen Bogen um Balabans Lokal gemacht. Bis ihre Kinder und Enkel ihnen die Schwellenangst genommen und sie einfach zum Essen eingeladen haben und später zur Hochzeitsfeier. Türkische Hochzeit in einer der kölschesten Kölner Strassen.
Ali Balaban ist überzeugt, dass eine Integration nur gelingen kann, wenn man sich die Wurzeln der eigenen Kultur bewahrt und sich ihrer von Zeit zu Zeit vergewissert. Und es reiche nicht, wenn niveauvolle Gastronomie sich durch hervorragende Küche auszeichne. Dazu gehöre „schon ein bisschen mehr“. Noch so ein Glaubenssatz. Deswegen sinnt Balaban, der Philosoph mit der Kochschürze, der Kultur-Botschafter aus Passion, über kleine Darbietungen in seinem Hause nach, die sein Land („Es ist ja immer noch irgendwie mein Land“) von dessen schönsten Seiten zeigt. Deswegen gibt es im „Bosporus“ dann und wann eine Modenschau, Bauchtanz-Vorführungen, Ausstellungen, Folklore oder einen kurzen Vortrag. Er ist sogar Mitglied im Kölner Karneval, in der "Apfelsinen-Funke" der Bürgerwehr. Vielleicht sind das Ali Balabans eigentliche Spezialitäten, auch wenn sie nicht auf der Karte stehen und der Gourmetführer sie nicht erwähnt.
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